Demokratisierung der Wirtschaft

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Gesellschaftspolitisches Diskussionsforum

Verschiedentlich wurde von den TeilnehmerInnen des "Gesellschaftspolitischen Diskusssionsforums" eingemahnt, dass sich die Arbeiten in der letzten Zeit zu stark auf die Belange von BetriebsrätInnen konzentriert hätten und allgemeinpolitische Themen dabei auf der Strecke geblieben wären. Etwa 30 Personen – in der überwiegenden Mehrzahl BetriebsrätInnen – würden sich für eine Plattform zum Thema "Demokratisierung der Wirtschaft" interessieren (Liste der InteressentInnen).

Themenblöcke

Mit VertreterInnen der Zivilgesellschaft wurden mögliche Inhalte weiter präzisiert, um schließlich folgende inhaltlichen Offerte an die o. a. Zielgruppe zu legen:


  • Manfred Krenn (FORBA): Entgrenzung von Arbeit

Hier geht es um neue Formen der Organisation von Arbeit und Herausforderungen für die betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung.

Entgrenzung von Arbeit und Prekarisierung sind zwei unterschiedliche Phänomene, die entscheidende Veränderungen in der Arbeitswelt markieren und enorme Herausforderungen für betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung und Demokratisierung darstellen.

Entgrenzung von Arbeit bedeutet dabei vor allem:

  1. Auflösung des Betriebs als räumliche und soziale Einheit; Outsourcing und Firmennetzwerke
  2. variable Arbeitszeiten, zeitliche Verfügbarkeit der Arbeitskräfte, Ausdehnung der Arbeitszeit
  3. ortsunabhängige und mobile Arbeit, hohe Mobilitätsanforderungen, Kooperation über Distanzen
  4. Nutzung der ganzen Person, also der körperlichen, kognitiven, psychischen und emotionalen Potenziale im Arbeitsprozess;
    Verschwimmen der Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben

Prekarisierung bedeutet nichts geringeres als die Rückkehr sozialer Unsicherheit ins Zentrum der Wohlfahrtsgesellschaft. Das bezieht sich nicht nur auf neue, prekäre Beschäftigungsformen (geringfügige Beschäftigung, befristete Beschäftigung, Leiharbeit, Scheinselbständigkeit), sondern auch auf den Niedriglohnsektor. Zudem wirkt Prekarisierung aber auch als ein gesellschaftliches Drohpotenzial, das bis weit in den integrierten Kern der Arbeitsgesellschaft hinein wirkt und sich dort als Abstiegsangst und übersteigerte Anpassung manifestiert. Gleichzeitig stehen wir vor dem Problem, dass das etablierte System der betrieblichen und überbetrieblichen Mitbestimmung im Sinne einer institutionalisierten Mitbestimmung auf eben dieses Normalarbeitsverhältnis und seine integrative Wirkung abgestellt war. Insofern stellen beide Entwicklungen "Entgrenzung von Arbeit" und "Prekarisierung" enorme Herausforderungen für Mitbestimmung und Demokratisierung dar, denen nur über neue Formen und möglicherweise auch Inhalte angemessen begegnet werden kann.

In der Lerngruppe soll zunächst einmal ein Verständnis für diese neuen Phänomene und ihre Erscheinungsweisen hergestellt und mit den praktischen betrieblichen Erfahrungen der TeilnehmerInnen angereichert werden. Darüber hinaus sollen neue Formen der betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessensvertretung als angemessene Reaktionen auf diese Entwicklungen diskutiert werden. Möglicherweise kann auch die Entscheidung getroffen werden, sich auf eines der Phänomene zu konzentrieren.


  • Martin Schürz/Beat Weber (ÖNB): Das Wissen vom Geld – Auf dem Weg zum Finanzbildungsbürgertum

In den letzten Jahren wurde "Finanzbildung für alle" häufig zum Schlüssel für die Meisterung des Lebens in einer Welt der Aktien und Privatvorsorge erklärt. Was sagt uns das Scheitern der Finanzmarktprofis im Zuge der aktuellen Finanzmarktkrise über die Rolle von Wissen, Glück und Leistung im Finanzmarktkapitalismus? Um diese Fragen soll es in diesem Themenblock bzw. in dieser Lerngruppe gehen.


  • Christine Moore (CREDO): Die Theorie U – Neue Wahrnehmungs- und Gestaltungsmuster als Voraussetzung für die Neuformierung von Gesellschaft(en)

Hier wird das Konzept des "Presencing" vorgestellt, in welchem mittels der "Theorie U" aus der Zukunft gelernt werden kann. Mit Presencing begeben sich die TeilnehmerInnen in einen offenen Prozess zur Entwicklung von "Neuem" im Kontext ihrer Arbeit, einem Gruppenthema oder einem persönlichen Anliegen. Im Rahmen der vier Workshops erfahren sie, wie sie selbst in ihrer Organisation (z. B. BR-Körperschaft) einen solchen Gruppenprozess gestalten können. Bei Presencing geht es darum, Veränderung zu bewirken, indem wir uns von dem bewährten, rationalen "Downloading" zu kognitivem "Seeing", "Sensing", "Presencing" und "Prototyping" entwickeln. Im Rahmen der Workshops erleben die TeilnehmerInnen diese vier Phasen persönlich und erfahren, wie sie Presencing selbst anleiten.

"Presencing ist immer dann relevant, wenn die vergangenheitsgetriebene Realität Sie nicht mehr weiterbringt und Sie das Gefühl haben, ganz neu ansetzen zu müssen" (Claus Otto Scharmer).


  • Christine Moore (CREDO): CSR-Coaching

CSR (Corporate Social Responsibility) entlang der Wertschöpfungskette: Dieses von Harvard-Professor Michael Porter entwickelte Modell dient der Suche nach dem "Shared Value" – dem gemeinsamen Mehrwert für Unternehmen und Gesellschaft im Rahmen des CSR-Konzepts.

Porter postuliert, dass die CSR-Aktivitäten vieler Konzerne "diffus und vom Geschäftsfeld isoliert" durchgeführt werden. Sein Modell sieht vor, dass ein Unternehmen sein CSR-Engagement dort fokussiert, wo es sowohl dem Unternehmen als auch der Gesellschaft den höchsten Nutzen bringt: nahe an den Wertschöpfungsprozessen des Unternehmens einerseits (inside-out) und im Wettbewerbsumfeld andererseits (outside-in).

Im Rahmen der vier Workshops erleben die TeilnehmerInnen den Umgang mit dem Modell, indem sie es auf ihre eigene Organisation anwenden, um Potenziale für gesellschaftliches Engagement, gekoppelt mit unternehmerischem Nutzen, zu entdecken.


  • Gabriele Michalitsch (WU Wien): DiskursGegenMacht – Demokratisierung der Wirtschaft durch Bildung und Kommunikation

Die Workshop-Serie "DiskursGegenMacht" verbindet grundlegende Fragen der Demokratisierung von Wirtschaft mit Bildung und Kommunikation. Im Zentrum der Workshops steht die Verknüpfung von ökonomischem Diskurs und Macht, deren Untersuchung letztlich zu einem Projekt der Entwicklung diskursiver Gegenmacht hinführen soll. Die ersten drei Workshops dienen der Erarbeitung inhaltlicher Grundlagen zu Diskurs und Macht, Formierung und Effekten ökonomischer Diskurse. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse sollen im abschließenden vierten Workshop in die Entwicklung eines Programms "ökonomischer Alphabetisierung" münden, das nicht nur die Infragestellung angeblicher ökonomischer "Tatsachen", "Sachzwänge" und "Gesetze" fördern, sondern auch zur Formierung von Gegenmacht zum herrschenden Wirtschaftsdiskurs beitragen soll.

Ausgangspunkt der Workshop-Serie bildet die Produktion ökonomischen Denkens. Dabei sollen Fragen von Definitions- und Benennungsmacht diskutiert werden, um in weiterer Folge Formierungsprozesse ökonomischer Diskurse näher zu beleuchten. Anhand der Durchsetzung von Neoliberalismus soll weiters untersucht werden, wie sich "Mythen der Ökonomie" etablieren und welchen Interessen diese dienen. Die Analyse massenmedialer Herstellung und Vermittlung ökonomischen Wissens stellt einen weiteren Schwerpunkt der inhaltlichen Auseinandersetzung dar. Den Abschluss der Workshops bildet schließlich die Entwicklung von Ansätzen ökonomischer Alphabetisierung, die nicht nur einen Schritt in Richtung ökonomische Mündigkeit und Emanzipation von ökonomischem Herrschaftswissens darstellen sollen, sondern letztlich auch als Ansatzpunkt zur Formierung von Gegenmacht dienen könnten.

Die Workshop-Serie zielt zunächst darauf, Formierungsprozesse ökonomischer Diskurse, deren Verknüpfungen und deren inhärente Interessengeleitetheit deutlich zu machen, um Mechanismen der Reproduktion von Definitionsmacht und damit einhergehender Exklusion zu decouvrieren. Die TeilnehmerInnen sollen damit für Herrschaftsaspekte ökonomischen Wissens, damit verbundene Formen gesellschaftlichen Ausschlusses und dessen Herstellung sensibilisiert werden. Nicht zuletzt sollen so auch aktuelle politökonomische Kontexte und deren Transformationen verständlicher werden. Darüber hinaus sollen Auseinandersetzungen der TeilnehmerInnen mit politökonomischen Fragestellungen in ihrem jeweiligen Kontext gefördert, ihre Kritikfähigkeit gegenüber gesellschaftlichen Prozessen gestärkt, vor allem aber auch Handlungsspielräume in ihrem jeweiligen Tätigkeitsfeld eröffnet werden.

Hier kann das komplette Workshop-Programm des Themenblocks "DiskursGegenMacht" angesehen werden.


  • Markus Schallhas (VertretungsNetz/attac Österreich): Alternative Ökonomie

Der neoliberale Umbau der Ökonomie bringt die traditionellen Modelle solidarischen Wirtschaftens in Bedrängnis. Sowohl kapitalistische, staatliche als auch zivilgesellschaftliche Organisationen werden immer radikaler nach den Prinzipien des Marktes strukturiert. In all diesen Bereichen gewinnt im Gegenzug die Suche nach alternativen, solidarischeren Möglichkeiten an Kraft. Es stellt sich für viele Menschen erneut die Frage: Wie wollen wir wirtschaften?

BetriebsrätInnen und ExpertInnen sind eingeladen, in vier Workshops voneinander zu lernen und das Feld für neue Ideen aufzubereiten. Auf der Basis eines Überblicks durch die Koordination und einer gemeinsamen Kartografierung werden Modelle aus den unterschiedlichen Bereichen diskutiert. Schnittpunkte zu anderen aktuellen Themen werden formuliert und die Ergebnisse in das GEDIFO zurückgespeist.

Die gegenwärtige Diskussion vollzieht sich dabei an der Schnittstelle verschiedener Generationen solidarischer Ökonomie. Schlagworte wie "Peer-to-Peer-Ökonomie" oder "Wissensallmende" haben die Koordinaten maßgeblich verändert. Aber auch die ArbeiterInnenbewegung experimentiert seit ihren Ursprüngen mit alternativen Modellen des Wirtschaftens und kann neben Niederlagen auf große Erfolge zurückblicken. Die Lebensrealtität der meisten Menschen ist nach wie vor durch ein Nebeneinander unterschiedlicher Wirtschaftssysteme geprägt. Tagtäglich wechseln sie zwischen Markt-, Staats-, Zivilgesellschafts-, Subsistenz- und Freundesökonomie.


  • Astrid Hafner/Markus Auinger: Anders Wirtschaften. Was lässt sich aus alternativen Modellen lernen?

In der aktuellen Diskussion über eine Demokratisierung der Wirtschaft wird unter anderem über die sinkende Bedeutung – manchmal sogar schon über das "Ende" – des Normalarbeitsverhältnisses diskutiert. Tatsächlich geraten formelle Arbeitsverhältnisse durch den Boom flexibler Beschäftigungsformen und die Aushöhlung der Wirtschafts- und Sozialpartnerschaft zunehmend unter Druck. Die Prekarisierung breiter Teile der Gesellschaft (Stichwort "working poor") ist ein Zeichen dieser Entwicklungen. Ein anderer Aspekt ist die kontinuierliche Unterwanderung der betrieblichen Mitbestimmung und Demokratie durch pseudo-demokratische Managementkonzepte.

In bunten Konzepten mit durchschnittlich sehr kurzen Halbwertszeiten wird heute die Idee der Mitbestimmung auf immer wieder neue Art den MitarbeiterInnen verkauft. Leider ermöglichen aber Konzepte wie "Management by Objectives", Arbeit in teilautonomen Gruppen, verschiedenste Qualitätssicherungsmodelle oder etwa der altbekannte "Postkasten für Verbesserungsvorschläge" meistens nur sehr wenig wahre Demokratie am Arbeitsplatz. Viel eher werden diese Instrumente vom Management dazu verwendet, Hierarchie und Machtstrukturen abzusichern.

Auf der anderen Seite wird momentan in verschiedenen Kreisen über solidarische Wirtschaftsformen diskutiert, die eine demokratische Alternative zum finanzmarktgesteuerten Kapitalismus sein sollen. Dort soll die Wirtschaft auf Solidarität und Kooperation anstatt auf Individualismus und Konkurrenz aufgebaut werden. Die Beispiele für Unternehmens- und Organisationsformen, die auf diesen Werten aufbauen, sind zahlreich und reichen von alten und neuen Genossenschaften über solidarische Wohnformen, regionale Tauschkreise und fairen Handel bis zu freier Software.

Es stellt sich nun die Frage, wie diese beiden Realitäten miteinander verbunden werden können und wie die betriebliche Praxis von den Erfahrungen mit solidarischer Ökonomie profitieren kann.

Ein detailliertes Programm zum Workshop und empfohlene Literatur können hier abgerufen werden.


  • Christiane Feuerstein: Kreativität als Wirtschaftsmotor?

In vier Workshops sollen die Themen "Kunst und Stadtteilökonomie", "Solidarische/alternative Ökonomie" und "Corporate Social Responsibilty" (CSR) diskutiert werden. Temporäre und künstlerische Interventionen sind in Westeuropa zu einer populären Strategie in Projekten der Stadterneuerung und Stadterweiterung geworden. Berlin bemüht sich, das "kreative Kapital" als Instrument für urbane Entwicklungen zu nutzen und zur Markenbildung der Stadt einzusetzen. "Urban pioneers" sollen dazu beitragen, die Stadt wieder attraktiv zu machen, und wirtschaftliche Impulse für die marode Wirtschaft geben. In Hamburg sollen temporäre Aktionen, aber auch der spektakuläre Bau der Elbphilharmonie dazu beitragen, die Hafen City im Bewusstsein der Hamburger als neues Stadtquartier zu verankern und als attraktiven Wohnungsstandort zu vermarkten. In Wien trug das Kunstfestival "Soho" in Ottakring dazu bei, ein ganzes Viertel aufzuwerten.

Die o. a. Themen sollen unter vier Fragestellungen diskutiert werden:

  1. Kreativität und die Ökonomie der Aufmerksamkeit (gesellschaftliche Trends): Diskutiert werden sollen der Wandel der Begrifflichkeit in aktuellen gesellschaftlichen Diskursen (z. B. Florida's Creative Class) und die Brauchbarkeit dieser Begriffe als Abbilder sozialer Wirklichkeit.
  2. (Stadt-)Marketing – Creative Cities (stadtplanerische und stadtökonomische Trends): Weltweit hat sich zwischen den Städten eine Standortkonkurrenz entwickelt. Strategien des Stadtmarketings werden daher immer wichtiger. Städte werben vermehrt aktiv um Investoren und bestimmte soziale "kreative" Gruppen.
  3. Polarisierung in Stadt und Gesellschaft: Die aktuelle Entwicklung führt zu einer verstärkten sozialen Polarisierung der Gesellschaft, die sich auch in den einzelnen Quartieren und Stadtvierteln abbildet (Stadtviertel mit besonderem Entwicklungsbedarf, Aufwertungsstrategien, Gentrifizierung etc.).
  4. "Urban Entrepreneurship" und Nachbarschaft (Konsequenzen für die Quartiersökonomie): Trends führen zu neuen Formen der Ökonomie. In wachsenden Städten kommt es zur "Urban Entrepreneurship", einer "Spekulation" der Möglichkeiten des Einzelnen. Eine Möglichkeit, die prinzipiell allen offen steht (Neoliberalismus), die jedoch nur selektiv umsetzbar ist, da sie spezielle Ressourcen erfordert. Kreativität bzw. kreative Milieus werden durch die Anziehung bestimmter Zielgruppen zur Aufwertung von Stadtteilen (z. B. Soho) verwendet.

Kick-off-Veranstaltung und Lerngruppen

Angelehnt an das sogenannte "Open-Space-Format" soll bei einer Kick-off-Veranstaltung mit den o. a. InteressentInnen die Resonanz zu diesen sieben Themen ausgelotet werden. In das Format einer Lerngruppe (mit vier etwa dreistündigen Sitzungen) werden all jene Themen überführt, für die sich genügend InteressentInnen finden (3–4 Personen als Kern der Gruppe). Die Ergänzung und Anreicherung dieser Kerngruppen mit InteressentInnen aus dem Netzwerk der einzelnen Lerngruppenverantwortlichen ist ausdrücklich erwünscht, wobei insbesondere bei der Designgestaltung auf die "kommunikative Anschlussfähigkeit" mit der Kerngruppe zu achten ist.


Dieser Artikel wurde im Rahmen der gedifo-Projektgruppe "Managementinstrumente für die Betriebsratsarbeit" erstellt.


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