Atypische Arbeit

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Atypische Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu

Die Zahl der LeiharbeiterInnen, geringfügig Beschäftigten, freien MitarbeiterInnen und WerkvertragnehmerInnen – sogenannte atypische, oder auch prekäre Beschäftigungsverhältnisse – ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Dazu kommen neue Arbeitsformen wie etwa Arbeit auf Abruf.

Diese neuen Arbeitsverhältnisse sind gekennzeichnet vom Wegfall einer ganzen Reihe von arbeits- und sozialrechtlichen Schutzbestimmungen:

  • kein Krankengeld,
  • kein Arbeitslosengeld,
  • kein 13. und 14. Gehalt,
  • kein bezahlter Urlaub,
  • keine Einkommensgarantie,
  • mangelnde Altersvorsorge.

Es gelten weder Mutterschutz- noch Insolvenzentgeltsicherungsgesetz.

Die Arbeitszeit – und damit verbunden das Einkommen – schwankt beträchtlich, und auch die in Österreich durchschnittlichen Nettostundenverdienste sind mit 7,73 Euro nicht gerade üppig.

Zudem ist die Situation der neuen Atypischen vielfach bestimmt durch hohe Risiken, Lohneinbußen, mangelnde soziale Absicherung, ausufernde Arbeitszeiten und Überforderung.

Mit der Liberalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes kommt es zum Rückgang der Lebensqualität und Einschränkung einer langfristigen Lebensplanung.

Naomi Klein im Interview mit Lize de Clercq
Vertrieb: EuroMayDay


Das schwarze Loch der Prekarisierung, die einhergehende bewusst hergestellte Angst und Verunsicherung der (noch regulär) Beschäftigten sowie die Entsolidarisierung wird dabei nicht nur vom Arbeitgeberlager gewollt. Es wird auch programmatisch von neoliberalen Regierungen gefördert und ausgebaut. Die Zurückdrängung des Normalarbeitsverhältnisses findet europaweit statt:

In Österreich sind die Freien Dienstverträge seit Anfang 1998 um 150% angestiegen und die Zahl der Neuen Selbständigen hat sich seit Ende 1998 sogar fast vervierfacht.

Die Vorteile liegen auf Seiten der ArbeitgeberInnen

Für ArbeitgeberInnen und AuftraggeberInnen haben derartige Arbeitsverhältnisse eine Vielzahl von Vorteilen:

  • Das unternehmerische Risiko wird auf den/die ArbeitnehmerIn übertragen.
  • Es sind weniger oder keine Sozialversicherungsbeiträge zu leisten.
  • Die arbeitsrechtlichen Regelungen fallen weg, es gilt kein Kollektivvertrag u.a.m.

Als Nachteil steht dem eigentlich nur die nicht immer vollständig und direkt steuerbare Verfügbarkeit (Atypische sind nicht weisungsgebunden, Möglichkeit der Vertretung …) gegenüber – und in der Realität stellen sich selbst diese "Freiheiten" der atypisch Beschäftigten häufig nur als Schimäre heraus: Die angespannte Lage am Arbeitsmarkt bietet oft ganz einfach keine Möglichkeiten, seine Rechte tatsächlich einzufordern, will man nicht den existenziell notwendigen Auftraggeber verlieren.

Atypische Arbeit aus Sicht der Betroffenen

2003 wurde die AK-/ÖGB-Studie "Atypisch beschäftigt - Typisch für die Zukunft der Arbeit?" (Schönbauer, Laburda 2003) (1,14MB) veröffentlicht.

Als Grundlage dienten Interviews mit Betroffenen, die zur ÖGB-Beratungsstelle Flexpower gekommen waren. Knapp 60% (!) der Befragten bestätigten, dass sie diese Beschäftigungsform nicht selbst gewollt hatten, und fast genau so viele – nämlich 50% – streben auch wieder ein reguläres Arbeitsverhältnis an.

2004 und 2005 folgten Netzwerkveranstaltungen zum Thema "Selbständigkeit vs. Soziale Sicherheit". Unter den Teilnehmenden ist das Wissen über gesetzliche Benachteiligungen und strukturelle Ursachen der Negativ-Spirale sehr hoch:

Aus den Netzwerkveranstaltungen "Selbständigkeit vs Soziale Sicherheit":

von Barbara Waschmann, A 2005

Einigen TeilnehmerInnen war jedoch nicht bewusst gewesen, dass diese Beschäftigungsformen quer durch alle Branchen auftreten. Aufgrund der branchenspezifischen Gewerkschaften in Österreich sind sie daher auch nach herkömmlichen Methoden nicht zu organisieren.

In den Betrieben mangelt es an Solidarität zwischen (noch) "typisch" und "atypisch" Beschäftigten. Aus Unkenntnis neiden die einen den anderen die angebliche "Freiheit" und die anderen den einen die "Sicherheit". Hier sind Betriebsräte und Betriebsrätinnen gefragt!

Beratungsstellen:

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di Deutschland veröffentlichte über die Discount-Kette Lidl das "Schwarzbuch Lidl".

Die Ware Mensch

  • Da diese Beschäftigungsformen als Sachkosten verbucht werden können, behübschen Aktiengesellschaften also ihre Jahresberichte.
  • Betriebe, aber auch das Europäische Patentamt, entlassen MitarbeiterInnen, um sie über Personalverleiher wie Manpower wieder an denselben Arbeitsplatz zurück zu holen – bloß diesmal mit weniger Rechten ausgestattet.
  • Besucht man – seitens des Europäischen Sozialfonds kofinanzierte – Kurse des Österreichischen Arbeitsmarktsservices, ist eine der ersten Empfehlungen, nachdem man den eigenen Lebenslauf gestaltet hat, man solle sich um die Ecke bei einem Personalverleiher vorstellen gehen.

Das Konzept der "Flexicurity" sieht ein neues Verhältnis von Flexibilität und sozialer Sicherheit vor und soll zu einem spürbaren Beschäftigungszuwachs beitragen. Ob damit den bekannten Deregulierungskonzepten für die Arbeitsmärkte lediglich ein neues Etikett angeheftet wird, ist zur Zeit noch offen.

Aufgrund der steigenden Betroffenheit in den westlichen Ländern hat sich die internationale Bewegung EuroMayDay formiert mit dem Ziel, in der Öffentlichkeit Bewusstsein zu schaffen.



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